Wie Adbustings den Polizeikongress aufmischten

Weitreichendes Echo nach Fake-Werbekampagne zum Polizeikongress 2022 in Berlin: Schon wieder versauten gefälschte Werbeposter, die die Polizei kritisieren, die Stimmung. Die Polizei kontrollierte alle Bahnstation auf merkwürdige Poster. Tom Schreiber, Abgeordnter der SPD, fand die Kritik an der Polizei „perfide“ und „diffamierend“, sein FDP-Kollege Björn Matthias Jonzo schmollte: „(…) das ist nicht fair!“ Benjamin Jendro, Sprecher*in der Berliner GdP musste zugeben: „Es gibt Fälle, in denen Polizisten rechtswidrig Gewalt anwenden oder extremistisches Gedankengut präsentieren.“ Und Springers Morgenpost ist entsetzt ob der „großangelegten“ Aktion. Eine Zusammenfassung der Reaktionen auf die Adbusting-Aktion zum Polizeikongress 2022.

Adbustings zur Rüstungsmesse
Der hochtrabend „europäisch“ genannte „Polizeikongress“ in Berlin: Eine Rüstungsmesse, ein Podium für Law-and-Order-Knalltüten und ein Repräsentationsanlass für die Berliner Polizei. Die fand es gar nicht lustig, dass die Kommunikationsguerilla-Gruppe 110%subversiv die anreisenden Rüstungsvertreterinnen, Politikerinnen und staatlich bezahlte Gewalttäter dieses Jahr mit einer gefälschten Werbekampagne begrüßte. An insgesamt 60 Werbevitrinen rund um das Messegelände und anderen Bahnstationen in der Innenstadt hingen Plakate im aktuellen Werbedesign der Berliner Polizei.

„Wir sind Nazi-Netzwerk, nur größer“
Doch statt Werbung für die Polizei zu machen, rückten die Slogans die staatlich bezahlten Gewalttäter*innen ins rechte Licht: „Wir scheißen auf das Recht, gegen uns zu sein“ (statt: Wir schützen auch das Recht, gegen uns zu sein) und „Wir sind Nazinetzwerk, nur größer“ (statt: Wir wollen wachsen, nicht nur größer werden).

Polizei filzt Bahnhöfe
Bei der Polizei kam das erwartungsgemäß nicht gut an. Wie der Polizeisprecher auf Anfrage der Morgenpost mitteilte, wurden Ermittlungsverfahren wegen Verleumdung eröffnet. „Wo es unseren Kolleginnen und Kollegen möglich war, haben sie die Plakate entfernt“ , sagte der Sprecher. Tatsächlich beobachteten Passant*innen, wie Streifencops und Bereitschaftspolizei durch Bahnstationen streiften und jedes einzelne Werbeplakat genau auf seine Echtheit überprüften.

Die PR-Abteilung der Cops weiter: „Wo es nicht möglich war, hat die Polizei die Aufstellerfirmen kontaktiert und darum gebeten, die Poster zu entfernen.“ In den sozialen Medien findet man Bilder, die zeigen, dass die Cops die Poster mit Mülltüten verdeckten.

GdP gibt Gewalt und Rassismus zu
Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fühlte sich direkt angesprochen: „Auch heute gab es wieder zahlreiche so genannte Adbusting-Plakate, um die @polizeiberlin ins schlechte Licht zu rücken.“

Der Pressesprecher der GdP, Benjamin Jendro, der auch beim sogenannten „Polizeikongress“ auftrat, sagte: „Die Plakate sind perfide, denn sie offenbaren ein Schubladendenken und diffamieren all unsere Kolleginnen und Kollegen.“ Doch selbst Jendro muss angesichts der diskursiven Durchschlagskraft der Adbusting-Aktion zugeben: „Es gibt Fälle, in denen Polizisten rechtswidrig Gewalt anwenden oder extremistisches Gedankengut präsentieren.“

Weiter sagt Jendro: „Wir halten nach wie vor nichts von solchen Aktionen, haben aber damit gerechnet, dass auch der diesjährige EPC wieder als Bühne für polizeifeindliches Denken genutzt wird.“ Bei dem vorabendlichen Vorstandsmeeting der GdP wären wir ja gern dabei gewesen um das Vorwurfs-Bingo zu beobachten: „Oh nein, morgen ist wieder Polizeikongress. Da gibt’s wieder Adbustings, die und lächerlich machen. Was tun wir?“ „Terrorabwehrzentrum?“ „Bundesamt für Verfassungsschutz?“ „Hausdurchsuchungen?“ „DNA-Analysen?“ „Schwerer Diebstahl?“ „Störpropaganda?“ „Erschleichen von Leistungen?“ „Ne… das hatten wir alles schon… Lasst es uns doch nochmal mit Kunsturheber*innenrecht und Verleumdung probieren!“ „Genial, Benjamin, so machen wir es!“

Kritische Nachfragen bei Twitter
Lustig ist, dass die GdP unter ihrem Twitter-Posting vor allem Schläge bekommt: „Was genau soll denn an den Plakaten nicht stimmen?“ und „Auf den Plakaten wird gelogen? Wieviele Eurer Mitglieder haben seit dem 01.01.2022 ,Fehlverhalten im Amt‘ angezeigt?“ fragen dort Nutzer*innen.

Bei Facebook sammelt sich der rechte Mob
Ganz anders die Kommentare unter dem GdP-Posting bei Facebook. Hier sammelt sich der rechte Mob: „Es sind nicht Aktivisten, sondern kriminelle Feinde der Gesellschaftsordnung“. Es findet sich auch offen rassistisches Zeug wie „Keiner von denen hat jemals Kontakt mit einem echten Nazi gehabt. Genauso die Schwarzen die alle Rassismus brüllen wegen nichts, aber richtigen Rassismus (Sklavenzeit) nie erlebt“. Die GdP sieht da offenbar keine Notwendigkeit zum einschreiten.

Stimmen aus der Politik
Einen Eindruck, wie präsent die Adbustings auf dem Pozileikongress waren, geben auch Statements aus der Berliner Lokalpolitik. Tom Schreiber, SPD-Sicherheitstrottel, der gerade Verfahren am Hals hat, weil er höchstpersönlich seine Hundertschaftskumpelz auf Linke hetzte, war auch auf dem Pozileikongress und ärgerte sich bei Twitter: „100% Mensch. 100% Polizei. 100% Rechtsstaat. Diese perfiden öffentlichen Schmähungen gegen die @polizeiberlin und ihre Mitarbeiterschaft, zeigen welch ,geistes Kind‘ diese sogenannten Aktivisten sind. Respektlos & niveaulos.“

Björn Matthias Jotzo, parlamentarischer Geschäftsführer und Sprecher für Inneres, Sicherheit, Ordnung, Stadtentwicklung und Mieten für die FDP im Berliner Abgeordnetenhaus: „Das ist nicht in Ordnung und sich (sic!) nicht fair Gegenüber der @polizeiberlin 👎“

Etwas gelassener sieht das alles Vasili Franco, für die Grünen im Abgeordnetenhaus, und auch auf dem Pozileikongress: „Man muss das Instrument des Adbustings nicht toll finden. Die reflexartige Kriminalisierung von Polizeikritik finde ich dennoch unnötig. Etwas mehr Gelassenheit und eine ernsthafte Fehlerkultur sind die bessere Antwort.“

Medienfeedback
In den Medien hinterließ die Aktion ebenfalls einen großen Fußabdruck. Die erste Zeitung, die online berichtete und den Text am nächsten Tag auch druckte, war die Berliner Morgenpost. Dabei übernahm der Polizeireporter Andreas Gandzior für Springers Lokalzeitung exakt den Frame der Pressemitteilung der Chaot*innen:

„Mit einer großangelegten Aktion hat die Aktionsgruppe ,100% subversiv‘ am Mittwoch auf sich aufmerksam gemacht. Während in der Stadt der zweitägige Europäische Polizeikongress (EPC) begonnen hat, haben Aktivistinnen und Aktivisten Fake-Werbeplakate aufgehängt. Nach eigenen Angaben haben sie 60 Werbevitrinen ,gekapert‘ und die im Stil der offiziellen Werbekampagne der Polizei gestalteten Poster darin befestigt. Mit den Postern kritisieren sie ihrer Meinung nach die ,staatlich bezahlten Gewalttäter*innen‘. ,Wir sind Nazi-Netzwerk, nur größer. 110% national‘ und ,Wir scheißen auf das Recht, gegen uns zu sein. 110% Willkür‘ kann man unter anderem auf den Postern lesen“ (zum Vergleich hier unserer Pressemitteilung).

T-Online

Als nächstes berichtete das zur Werbefirma Ströer gehörende Nachrichtenportal T-Online: „,110% national‘: In ganz Berlin sind Plakate aufgetaucht, die die Polizei als rechtsextrem darstellen. Sie imitieren dabei die Werbekampagne der Behörde – einfach entfernt werden sie dennoch nicht. Aktivisten in Berlin haben Plakataufsteller gekapert und mit einer Kampagne gegen die Berliner Polizei versehen. An mehreren Orten in der Stadt waren Plakate zu sehen, die die Behörde als rechtsextrem darstellten. Sie waren im Stil der ,110%‘-Werbekampagne der Polizei gehalten. Zu sehen war ein SEK-Beamter, davor war zu lesen ,Wir sind Nazi-Netzwerk, nur größer‘, ,110% national‘ und ,Pozilei Berlin‘. Bereits 2020 machte das Kollektiv mit einer ähnlichen Kampagne auf sich aufmerksam. Anlass der Aktion war, wie schon zwei Jahre zuvor, der Europäische Polizeikongress der am 11. und 12. Mai in Berlin stattfindet. Hinter der Aktion steckt nach eigenen Angaben die Aktionsgruppe ,100% subversiv‘“

Das Statement der Polizei bei T-Online zeigt sehr gut die Willkürlichkeit der polizeilichen Ermittlungen zu Adbusting: „Die Aktivisten berufen sich auf die Kunstfreiheit, und tatsächlich handele es sich bei der Aktion nicht um Sachbeschädigung, so ein Sprecher der Polizei. Allerdings ermittle der polizeiliche Staatsschutz.“

Junge Welt

Die Junge Welt druckte unsere Pressemitteilung leicht gekürzt im Original und berichtete mit Bild im Netz:
https://www.jungewelt.de/artikel/426386.pozilei-berlin-startet-werbekampagne.html

Neues Deutschland

Einen netten Artikel schrieb auch Nina Noll für das Neue Deutschland. Die Presseabteilung der Cops zeigt hier deutliche Leseschwächen, denn dort kann man den Unterschied zwischen „Pozilei“ und „Polizei“ offensichtlich nicht erkennen: „Das Landeskri­minalamt ermittle wegen Verleumdung und Verletzung des Kunsturheberrechts, schließlich sei das Logo der Polizei verwendet worden. ,Damit wurde der Anschein erweckt, es handele sich um ein Plakat von uns‘, so die Polizeisprecherin.“ Im Artikel gibt der Polizei daraufhin Prof. Dr. El-Ghazi von der Uni Trier Nachhilfe in Jura. Laut El-Ghazi stehe „die Meinungs- und Kunst­freiheit“ hier „über dem Urheberrecht. Auch den Verleumdungsvorwurf kann er nicht nachvollziehen.“

rbb

Am zweiten Tag des Polizeikongresses ließ sich auch der rbb nicht lumpen. Der Staatsfunk machte seinem Ruf alle Ehre und nahm einseitig die Pressemitteilung der GdP ins Hörfunkprogramm und dudelte jede Stunde in den Radio-Nachrichten: „Unbekannte haben an einigen Stellen in Berlin gefälschte Werbeplakate im Stil der offiziellen Kampagne der Berliner Polizei aufgehängt. Sie enthalten beleidigende und verleumderische Aussagen. Wie ein Polizeisprecher dem rbb mitteilte, sind stadtweit rund 50 Flächen bekannt, auf denen die Plakate angebracht wurden. Informationen über den Urheber habe die Polizei aktuell nicht. Im Internet hat sich eine Gruppe mit dem Namen ,100 Prozent subversiv‘ zu der Aktion bekannt. Die Polizei will die Plakate laut Sprecher entfernen oder falls nötig überkleben lassen. Es werde wegen Verleumdung ermittelt, hieß es.“

Wir schätzen, dass am Donnerstag, als die Meldung in Dauerschleife lief, noch etwa 10-15 Plakate hingen, vor allem am Südring und am Hackeschen Markt. Da ist natürlich sehr nett, dass der Staatsfunk stündlich alle Leute darauf aufmerksam macht, dass es sich auf dem Weg nach Hause lohnt, sich alle Werbeposter ganz genau anzuschauen.

Abendschau

Am Donnerstag Abend plapperte auch die Nachrichtensprecher*in in der Abendschau einseitig die Meldung der Cops nach. Leider ohne Bild und Zitierung unserer Slogans.

Tagesspiegel

Am Freitag den 13.5. verlinkte Nina Dreher unseren Blog im Checkpoint-Newsletter des Tagesspiegels. Der kurze Hinweis lautete: „Und noch ein Nachtrag: Vorgestern hingen eigenwillige Plakate der Pozilei in Berlin, Aufschrift zum Beispiel: ,Wir sind Nazi-Netzwerk, nur größer‘. Dabei handelte sich um eine Protestaktion gegen die Polizei Berlin, Anlass war der Europäische Polizeikongress – gibt’s jedes Jahr und ist auch schon wieder vorbei: Die Polizei hat die Plakate schnurstracks entfernt.“

Wirkung: Hinterfragen der Polizei
Die Reaktionen der Betrachtenden auf die Poster lässt sich gut auf Social Media beobachten, z.B. hier und hier. Trotz der recht überzogenen Slogans grübeln dort Leute über die Authentizität der Plakate nach. Und schreiben dann Postings wie:

„Das ist leider so wahr, dass ich es kurz für eine echte Werbung der Polizei Berlin gehalten habe.“
https://twitter.com/jabaa123/status/1524393862499909632

„Wieso Fake? Sieht doch aus wie ein Fakt-Plakat.“
https://twitter.com/MaToTaTiBi/status/1524396913201754112

„Ich schreie vor Lachen…. und zittere vor Entsetzen.“
https://twitter.com/MehrtHierRum/status/1524407278463557633

Die Betrachtenden hinterfragen, warum sie glauben, dass die Polizei sie so ansprechen könnte und warum sie gleichzeitig bezweifeln, dass die Cops so werben würden. Die Poster sorgen bei vielen Betrachter*innen für ein Hinterfragen der Polizei und haben einen delegitimierende Effekt. Die vielseitige Resonanz zeigt, dass die Aktion einen vollen Erfolg darstellt. Und wollen wir doch hin!

Mehr Infos:

Gefälschte Werbeposter der Polizei shocken Polizeikongress:
https://110prozentberlin.wordpress.com/

Adbustings zum Polizeikongress: Ein historischer Rückblick:
https://110prozentberlin.wordpress.com/adbustings-zum-polizeikongress-ein-ruckblick/

Wie gehen Werbevitrinen auf?
https://de.indymedia.org/tutorial/27605

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